Schattenwelt

Die mythische Historie zur "Erfindung" der Malerei setzt ausgerechnet mit der ersten Gestaltung eines menschlichen Schattenbildes ein. Denn folgt man der Schilderung einer um die Zeitenwende von Plinius d. Älteren in seine umfängliche Enzyklopädie "Naturalis Historia" aufgenommene und über die Zeiten von Künstlern rezipierten Legende, so war es einst ein junges Mädchen, welches den Schattenriss des einseitig beleuchteten Kopfes ihres Geliebten an einer Wand nachzeichnete, um dessen Konturen zu fixieren. In den folgenden Jahrhunderten – insbesondere im 17. und 18. – gewann die Auseinandersetzung mit den Darstellungsmöglichkeiten des Schattenbildes zunehmend an Bedeutung. Umso mehr muss es überraschen, dass erst in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine fundierte theoretische Aufarbeitung dieses Phänomens einsetzte . Es war denn auch der Autor einer jener aus diesem Anlass erschienenen Abhandlungen, der Kunsthistoriker und Philosoph Victor Stoichit?, welcher im Jahre 2009 eine erstmalige und bislang einzige umfassende Doppelausstellung mit dem Titel La Sombra – Der Schatten – im Museo Thyssen-Bornemisza und der Fundación Caja Madrid verantwortete . Es gelang ihm, eine beeindruckende Fülle von Gemälden und Fotografien zum Thema mit einem Schwerpunkt auf der Barockmalerei zusammenzutragen; er verzichtete aber weitgehend darauf, zeitgenössische Kunst zu integrieren – wenn man von einigen wenigen Beispielen der üblichen Verdächtigen Warhol, Ruscha, Lichtenstein und Richter absieht. Vielleicht lag es daran, dass sich international wirkende Künstler aus jüngerer Zeit, die sich von diesem Thema herausgefordert fühlten wie Rafael Canogar, Mario Ceroli, Juan Genovés, Jonathan Borofsky, Lourdes Castro, Yves Klein oder Janos Urban sich anderer Ausdrucksmittel als der tradierten zweidimensionalen Medien bedienten, um auf die dem individuellen Schatten innewohnende Schönheit hinzuweisen.

Auch Ameret befasst sich bereits seit langem und auf vielfältige Weise vornehmlich mit der Darstellung und Relevanz von Schattengebilden. Sie beschäftigt einerseits die fortgesetzte optische Veränderlichkeit der Schattenform und macht sich zugleich deren Erscheinungsbild als Positiv- und Negativformen zu Diensten, um generelle Erkenntnisse und Aussagen bezüglich gesellschaftlicher Prozesse zu formulieren sowie die Position und das Handeln Einzelner darin zu verdeutlichen. Derart vermittelt sie performend, malend, zeichnend und collagierend eigene und fremde Erfahrungen, indem sie singuläre Schattenerscheinungen annektiert und in ihr Werk einbezieht. Methodisch stellte sie ein Archiv zufällig vorgefundener oder von ihr aktiv inspirierter Schattenformen zusammen, die ihr als Ausgangsmaterial dienen. Ameret vergleicht sich selbst mit jenem "grauen Herren", der sich in Adelbert von Chamissos 1813 verfassten und von diesem selbst als "wundersame Geschichte" bezeichneten Erzählung über das Schicksal des Peter Schlemihl sich dessen Schatten, d.h. im übertragenen Sinne: seiner Seele, bemächtigt. Anders als in Chamissos Text, welcher der mythischen Vorstellung, dass Dämonen und Teufel schattenlos seien, Rechnung trägt und auf dessen Grundidee wenig später auch E. T. H. Hoffmann, Hans Christian Andersen und Hugo von Hoffmannsthal mit thematisch vergleichbaren, menschliche Abgründe offenbarenden Schatten-Geschichten aufbauten , eignet sich Ameret die sie interessierenden Schattengebilde keineswegs mittels eines magischen "Goldsäckels" an, sondern durch konzentrierte Beobachtung von Personen, die ihren Schatten, den unnachgiebigen und doch rasch vergänglichen Verfolger nicht abzuschütteln vermögen. Sie selbst beschreibt die Strategie ihrer Bildfindung als spontanen Prozess, dass sie nämlich ihr "Formenrepertoire auf der Straße bei Menschen (finde), die mir ihre Schatten 'schenken'. Vor Ort skizziere ich diese Schatten auf Fahnentücher und rolle sie für die Bearbeitung im Atelier ein." Als wesentlichen Faktor stellt sie heraus, dass die "Passanten aktiv [...] an der Formfindung (teilnehmen). Sie sind aufgerufen, eine Form ihres Schattens zu erzeugen, mit dem sie in mein 'Archiv' eingehen möchten, Die 'Schattenwerfer' werden also zu aktiven Produzenten, zumal es einer Zeitspanne bedarf, während derer ich diese Originalformen auf meinen ausgerollten Fahnentüchern fixiere." Während dieses Moments der Vorbereitung besteht für die Protagonisten die Möglichkeit, über Wirkung und Funktion des eigenen Schattenbildes zu reflektieren und darüber hinaus dessen Relevanz in jenen diversen Kulturräumen zu debattieren, in denen Ameret ihre Aktionen stattfinden lässt. Die souveräne Auswahl der "jeweiligen Formen sowie der Gedankenaustausch über die Kunst sind hier zentraler Teil der [...] Arbeit." Ameret verzichtet bei der späteren Ausführung grundsätzlich auf die Andeutungen hinsichtlich der offenkundig vorhandenen Lichtquelle, wie sie Schatten-Malern ansonsten vonnöten sind, da es ihr ausschließlich um die durch die Konservierung der Kontur bezeugte Präsenz einer wahrhaftigen Person geht. Schatten gelten – ich zitiere Frieder Paasche – als "Erscheinungen der übersinnlichen Welt und wirken so auf den Betrachter. Der Schatten ist ein Abbild des Körpers. an dem Merkmale seines Trägers wiederzuerkennen sind, er ist ein abstraktes immaterielles Bild. Er hat keine Farbe, er ist flach [...] Er kann [...] Wände hochsteigen, durch Feuer oder Wasser gehen [...] Er verschmilzt mit anderen und löst sich im nächsten Moment wieder." Ameret korrigiert diese definierende Beschreibung dahin gehend, dass der Schatten sich in der Realität durchaus nicht ausschließlich grau oder schwarz darstellt, "sondern in einer dunkleren Variante der Untergrundfläche erscheint [...]. In der Malerei wird er dem entsprechend farbig gestaltet und geht von Dunkelheit ins Licht ohne klare Kontur über."

Es sind gleicherweise still stehende wie auch in abrupter Bewegung begriffene Gestalten, letztlich auch der eigene, deren Schattenwurf Amerets Aufmerksamkeit gilt, sie inspiriert, welche sie materialisiert und deren einmal registrierten Grundformen sie in ihre Malereien und Collagen integriert. Bereits Leonardo da Vinci beschäftigte die Frage, warum ein Schatten, welcher größer ist als seine Ursache, nicht mehr dessen Proportionen entspricht und es sind tatsächlich die durch den Stand der Sonne oder die Positionierung einer Lichtquelle bedingten variablen optischen Verformungen und Verzerrungen, welche die Eigentümlichkeiten eines jeden unaufhörlich wandernden Schattenbildes ausmachen. Durch Observation und empirische Untersuchungen versucht Ameret sich Klarheit über den Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen zu verschaffen,

Das zum Zeitpunkt der Erfassung überaus Individuelle des uns alle und überall begleitenden Schattenprofils wird von Ameret durch das Schwärzen der Binnenzone anonymisiert – was nicht heißt, dass ein Individuum sich nicht auf Grund seiner Physiognomie oder Körpersprache wiedererkennt oder von anderen identifiziert werden mag. Doch es steht durchgängig für menschliche Existenzen in ihrer Auseinandersetzung mit einer fremdbestimmten Umwelt und deren sozial-politischem Verhalten. Lebenswelt und Kunstsphäre verwachsen miteinander. Amerets Schattenwesen vollziehen Bewegungen, okkupieren – als überlebensgroße plastifizierte Formen auf mehreren Ebenen nebeneinander oder einander überlappend aufgereiht – eine Räumlichkeit oder – auf Fahnen gemalt und mal leise, mal heftig vom Wind bewegt und verformt – auch den Luftraum über einem Garten oder an einer Fassade; andere finden sich als flache Folie auf dem Boden ausgebreitet. Aufgrund der perspektivischen Verkürzungen und koloristischen Interventionen erscheinen sie uns nahezu abstrakt und entfalten ein autonomes Eigenleben. Variiert und modifiziert werden sie zum singulären Ereignis. Die Erinnerung an jene Person, an welche sie einmal fest gebunden waren, mag weiter bestehen, aber sie verblasst, denn sie haben sich von ihr gelöst und agieren selbstständig und scheinbar unkontrolliert. Weiter finden sich solche schemenhaft inskribierte sowie exakt konturierte Schattenfiguren als Cut outs oder ausgesparte Leerformen, in welchen die Figur weiterhin metaphorisch präsent bleibt, eingebunden in den bildnerischen Kontext eines Gemäldes, einer Collage oder Assemblage, in deren frei gestalteten Kontext sie sich behaupten. Hier beanspruchen sie neben ihrer eher beiläufigen Funktion als ornamental-ordnende Elemente eine zentrale Rolle im Zusammenspiel mit konterkarierenden und mit Verve gesetzten malerisch-farbigen Impulsen, materiellen Interventionen wie Papier- und Folienschnitten oder implantierten plastischen Elementen. Scharen von Menschenketten, die mit dem Pinsel oder vorwiegend mittels Schablone auf die Malfläche aufgebracht werden, bestehen daneben auf der Fläche und proklamieren tanzend und protestierend unübersehbar eine selbstbestimmte Zukunft. Auch bei ihnen handelt es sich um zu Menschengeflechten zusammengeführte Schattengebilde, die freilich nicht durchgehend in dunklem Kolorit gehalten, sondern deren pochoirkolorierten oder transparent angelegten Binnenformen grundsätzlich positiv konnotiert sind – anders als der düstere Schatten, welcher seit Platons Höhlengleichnis im Gegenteil zum Licht als verwirrend und trügerisch gilt. Ameret ordnet deren klare, mit Hilfe von Schablonen übertragene Leerformen über einem diffus-abstrakten, vielschichtig über semi-transparentem Fahnenstoff angelegten malerischen Fond und setzt sie in Bezug zu einzelnen dominierenden Schattensilhouetten. Stärker noch als bei ihren environmentalen Anordnungen kommt hier der durchgehend narrative – und durch ihre Versinnbildlichung auf gesellschaftliche Wirkung zielende – Zug in Amerets von Unverbindlichem und Ästhetisierenden freien Bildkosmos zum Ausdruck, der auch Erotisches, Geheimnisvolles und – etwa bei der Serie Bad Boys – Bedrohliches in sich trägt. Ein weiterer Aspekt der Arbeit Amerets manifestiert sich auch auf jenen schmalen Kartontafeln, welche die Künstlerin regelmäßig bearbeitet. Belassene abstrakte Arbeitsspuren stehen da neben Visionen urbaner Strukturen und Zitaten aus dem eigenen Motiv-Fundus und ergänzen sich zu surreal anmutenden eigentümlichen Konfigurationen über dem bräunlich-grauen Bildgrund, dessen Stofflichkeit sie respektiert und weitgehend unbearbeitet belässt. Lose verknüpft scheinen chiffrenhaft Situationen der Lebens- und Erlebnissphäre sowie emotional motivierte Einschübe auf, um sich zu knapp arrangierten, farblich zurückhaltenden Bilderzählungen zu fügen. Derart weitet Ameret ihr ohnehin breitgefächertes Motivrepertoire kontinuierlich aus, ohne ihr zentrales Anliegen, das nicht greifbare Mysterium des Schattenfalls visuell fassbar zu machen, aus den Augen zu verlieren. Sie präsentiert hier mit ihren stimulierenden Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen zugleich Resultate jener langjährigen akribischen Recherche, welche fortwährend in ihr bildnerisches und performatives Œuvre einfließt. Es vermag unseren abgeschliffenen Blick auf bisweilen unkonventionelle Weise für originelle, jedoch häufig genug als selbstverständlich abgetane Seherlebnisse nachhaltig zu schärfen und darüber hinaus virtuelle Stories anzureißen, an denen sich die Fantasie entzündet.

Ich danke für Ihre Geduld und wünsche der Künstlerin und den Veranstaltern den ihrer Ausstellung gebührenden Erfolg.

Dr. Jürgen Schilling Berlin August 2015

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1 Vgl. E. H. Gombrich, Shadows, The Depiction of Cast Shadows in Western Art, London 1995; Michael
Baxandall, Shadows and Enlightment, New Haven und London 1995; Victor I. Stoichita, A short History of the Shadow, London 1997
2 Vgl. La Sombra, Hrsg. Victor I. Stoichita, Ausstellungskatalog, Museo Thyssen-Bornemisza und Fundación Caja Madrid, 10. Februar - 17. Mai 2009, Madrid 2009
3 Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte; E. T. Hoffmann, Das Abenteuer in der
Silvesternacht; Hans Christian Andersen, Der Schatten
4 Ameret, typographischer Text, Berlin 1914
5 Ameret in einem Brief, 26. Juni 2015
6 Ameret, vgl. Anm. 5
7 Frieder Paasche, Spiel der Schatten – Reflexionen, www. vagantei-erhardt.de/Akademie/Artikel/Spiel der Schatten.htm
8 Ameret, vgl. Anm. 5
9 Vgl. Leonardo da Vinci, Sämtliche Gemälde und die Schriften, Hrsg. André Chastel, München 1990, S. 234 f



Kunst Inszenierung

Zur Rauminszenierung SOMMERWIND kommen die Arbeiten aus unterschiedlichen Serien zusammen. Eine windige Angelegenheit.

Sie sind ihre gern gesehenen und sehenden Gäste.
Mit Ihren aufgehängten Wünschen verändern Sie die Komposition und komplettieren den 'Rettungsschirm'.

Die ausgewählten Arbeiten und Objekte suchen ihren Platz im neuen Kontext. Die Auswahl geschieht intuitiv, versuchsweise und in mehreren Schritten. Thema und vorgegebener Raum entwickeln sich. Der Parcours ist offen, gleichzeitig und begrenzt.

Ich arbeite auch auf der Straße, wo ich Schatten von Menschen sammle wie der 'Graue Mann' in Chamissos ‘Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte‘. Die konturierten Formen verarbeite ich im Atelier zu Bildern oder Installationen, variiere sie am PC, fertige cut outs und Schablonen und spiele mit dem Material.

Die hier präsentierten Bilder zeigen originale Schattenformen wie das ‘Familienfest‘ oder ‘auf leisen Sohlen‘. Damit kombiniert sind Arbeiten der Serien ‘daily news‘, die in ganz anderem Zusammenhang verarbeitete Schattenformen zeigen.
Bei der Rauminstallation 'hang your wishes' verändern Sie mit Ihren 'Scheinwünschen' die Komposition und komplettieren den 'Rettungsschirm'.
Der Sommerwind kommt aus der Steckdose und wird diese Wünsche ebenso flattern lassen, wie die vielen Gesichter gegenüber.

Die 16 'WECK GLÄSER' im Schaufenster mit ¾ l Kunst als Ernte des Sommers variieren das Thema im Kleinen.

Ameret, Berlin im Juli 2012

'ameret'

Ameret wurde 1952 in Dortmund geboren und studierte Malerei
und Bühnenbild an der Staatlichen Akademie Düsseldorf bei Joseph Beuys und Wolf Sesselberg. Sie absolvierte ein Gastsemester an der Académie des Beaux Arts Paris und ein Studium der Kunst und Germanistik an der Uni Paderborn, wo sie von 1977-1982 auch Lehraufträge für Druckgrafik übernahm.
Die Künstlerin erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. International Art Encounter, Cetinje/ Montenegro (2008), Stipendium der Henry Clews Art Foundation (2003), L’Art Européenne, Centre Universitaire, Nizza (1998).
Seit 1985 lebt und arbeitet Ameret als freischaffende Künstlerin in Berlin. Ihre Ausstellungstätigkeit führte sie in mehrere europäische Länder und die USA, Kanada, Costa Rica und China.
Zentrales Thema im Werk von Ameret ist der Mensch in seinem Umfeld. In öffentlichen Kunst-Performances zeichnet sie Schatten von Menschen auf Fahnen, die sie in neuen künstlerischen und gesellschaftlichen Kontexten als Installationen zeigt.
Diese Schattenfiguren werden gesammelt und archiviert. Es ist ein Forschungsvorgang, methodisch und systematisch, den Ameret künstlerisch anwendet und interpretiert. Das wachsende Archiv bietet der Künstlerin ein Formenrepertoire, das sich wie serielle Menschenzeichen einzeln oder als Menschenketten oft schablonenhaft in ihren Bildern und Objekten wieder findet.
Mit einer unkonventionellen Bildsprache gelingt es ihr, mit Paradoxien der Wahrnehmung assoziativ zu ‚spielen‘, ihre archivierten Bildmotive in Beziehung zu setzen oder zu ‚Menschengeflechten‘ zu verdichten.
In ihren Installationen geht Ameret einen Schritt weiter. Das ephemere Phänomen der Schatten fixiert sie auf großformatige Fahnen, die sie‚ gleichsam als Markierungen der menschlichen Existenz mit der Landschaft konfrontiert oder in sie einbettet.

Dr. Aust-Wegemund, Hamburg 2011



Symbiose von Architektur, Natur und Kunst

…die Künstlerin AMERET arbeitet mit authentischen Schattenformen und beschwört das Bild mittelalterlicher Ritterhorden herauf, die die Burg bestürmen, erobern und feiern. Die Schatten der Gegenwart‘ bevölkern die Burg an verschiedenen Stellen auf ganz verschiedene Weise, immer dem Ort angepasst. Die ‘Ritterhorden‘ sammeln sich im Burghof als Fahnengruppe weithin sichtbar. Im Kellergewölbe liegen die Schatten der Chinesischen Tänzer und erzeugen den Eindruck einer verwitterten Grabstätte. Im Ballsaal entdeckt der Besucher Schatten 'cut outs' auf den rauhen Wänden und findet diese Formen in AMERET’s 'Menschengeflechten‘ als Bildmotive wieder...(R.S. La Rochette 2008)



Mit dem Titel deutet sich eine Vorstellung von dem künstlerischen Ansatz und dem Anliegen der in Berliner Malerin Ameret an: Es geht in ihrem Werk um Fragen der menschlichen Existenz als universelle und immer zu verteidigende Tatsache, und um das Thema des Menschseins unter den Bedingungen einer sich rapid verändernden Gesellschaft – mit all ihren Potentialen, Konflikten und Chancen. In diesem Spannungsfeld sollte man die Arbeiten der Künstlerin wahrnehmen, denn Amerets Kunst handelt von der Wirklichkeit des Menschen, von seiner Gegenwart und seiner Zukunft.

Ein zentrales Motiv ihrer Arbeiten sind Körper- und Menschenformen, mit 'cut outs', als Positiv- und Negativformen gemalte Menschenreihen, Ketten und Gruppen. Sie agieren, sie demonstrieren, sie bevölkern die Bilder als schematische Figuren und symbolhafte Kürzel. Sie bilden Menschengeflechte, die zusammenhängen, miteinander tanzen wie die Kinder oder Gruppen bilden, die für ihr Anliegen
solidarisch eintreten. Ihnen gegenüber stehen 'Menschenfresser' oder dunkle Schattenwesen.
Untersucht wird dabei die Beziehung des Einzelnen zu den Vielen, das Thema von gesellschaftlicher Verantwortung und dem Recht des Individuums.
Ameret verwendet die leicht transparenten Fahnenstoffe auch für ihre Rauminstallationen. Auf den langen, vertikalen Tüchern hat sie die Schatten von Passanten festgehalten und dann im Atelier bearbeitet. 'Geschenkte Schatten', frei im Raum hängend werden solche Arbeiten durch Wind oder Bewegungen des Betrachters 'verlebendigt'. Diese Arbeiten – als Archiv realer Personen – erforschen Wirkung und Reaktion der 'Abbilder' in jeweils neuem Kontext ihres Erscheinens. Ameret zeigt diese Installationen sowohl in Galerien- und Ausstellungsräumen wie auch in Außenräumen. Die Installation "La Foule" (Körperdetails 2003) wurde zum Beispiel in einem Olivenhain in den alten Bäumen dem Wind ausgesetzt, die "Schatten" u.a. in der Aktion "Infinite Pool" 2003 schwimmend im Wasser.

Das Ergebnis von Amerets Arbeit ist eine facettenreiche und immer wieder überraschende Kunst, die an den Grenzen und Rändern von Malerei,
Skulptur und Installation operiert und dabei neue Möglichkeiten und Potentiale untersucht. Typisch für Amerets Kunst ist eine grundsätzlich positive
Sichtweise auf die menschliche Existenz. . Auch auf ihr Werk trifft deshalb ein zentraler Satz von Joseph Beuys zu: „ohne Rosen tun wir´s nicht“.

Dr. Peter Funken, Berlin 2005


La Foule

Das Installationsprojekt “La Foule” erweitert Amerets Stelenmalerei im Raum um die Dimension der Zeit. Zeit heißt Bewegung. Das Projekt spielt mit Fahnen, einem Wald von ‚Körper-fahnen‘ in Bewegung.
Dem kollektiven Zusam-menschluß von Menschen-massen unter einem er-drückenden Fahnenmeer setzt Amerets Arbeit die Idee der ‚demokratischen‘ Masse entgegen, und zeigt im Spiel mit der Wahr-nehmung die Ergänzung des Individuums durch die anderen.
Das Pathetische der nationalen Symbole wird humanisiert durch die spielerische Umformung in Fahnen der Kunst. Nicht die Farben einer Nation, sondern die Menschen, die eine Nation bilden, entstehen durch Schich-tung, Aneinanderreihung und Bewegung transparent gemalter Körperformen.
Ein Menschengemenge, in dem der Einzelne nicht untergeht, sondern entsteht....

Dr. E. Haack, Berlin 2003


Gestalten in Berührung oder vom Streicheln mit dem Pinsel
Gedanken zu Arbeiten von Ameret


Eine auffallende Vorliebe für gewagte Farb kombinationen und scharfe Kontraste zeichnet die Malerei von Ameret ebenso aus wie sanft fließende Farbübergänge mit lasierend aufgetragenen Farbschichten. Spannungsvolle Gegensätze zwischen gelbreichem Hellgrün und grellem Pink vor einem vital wirkenden lichtgrau entstehen, die einen vibrierenden, tiefenlosen Raum und silhouettenhafte Körperformen.bilden. Diese Körper zeigen in der Fernsicht klare Abgrenzungen, bei naher Betrachtung fällt jedoch auf, dass ihre Ränder sich oft aus mehreren nebeneinanderstehenden schmalen Farbstreifen zusammensetzen. Ameret arbeitet dabei mit fragmentarischen Positiv-Negativ-Formen aus denen sich immer neue Körper ergeben; ein typisches Merkmal für jenen großen Bereich im Schaffen von Ameret, in dem sie das Thema (erotischer) Beziehungen als malerisches Problem behandelt und das Zusammentreffen zweier oder mehrerer menschlicher Körper in räumlicher Nähe als flächige
Disposition von Farbformen gestaltet. So wird eine umfassende Erfahrung der Ambivalenz zwischenmenschlicher Beziehungen formuliert.
Schon seit den achtziger Jahren arbeitet Ameret auch als Bühnenbildnerin und Performerin in Zusammenarbeit mit Schauspielern und Musikern und entwickelte ‚mobile Bildszenarien' die variabel und frei im Raum installiert werden können. Aus dieser Erfahrung resultiert ihre Vorliebe für extrem schmale Bildformate die modulhaft funktionieren und immer neue 'Raumbilder' ergeben. Das schmale Bildformat entspricht dabei ihrer Lust an Detaildarstellungen und Andeutungen.
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Diese Künstlerin ist weder Moralistin noch Misanthropin, die sich mit kritischer Distanz aus den Händeln des Lebens heraushält, sondern vielmehr eine heitere Beobachterin, die sich mit Leidenschaft und Sympathie den Realitäten des menschlichen Daseins stellt und diese mit zärtlicher Anteilnahme und humorvoller Nachsicht in farbenlustvolle, vielschichtige Kompositionen bringt. Das Werk von Ameret strotzt nur so von prallen Zweideutigkeiten, ihre Bildtitel sind Doppelbödige Wortspiele und manche Bilder konkretisieren sich erst in ihrer Kombination – Hinschauen ‚macht Lust'.

Dr. Brigitte Hammer
Berlin im März 2002